Nach eisiger Kälte schickt Petrus jetzt Nebel

WSV Ebingen richtet Deutsche Meisterschaften der Alpinen in St. Moritz aus.
60 Helfer arbeiten nahezu rund um die Uhr

Und immer wieder das Wetter: Schon häufiger hatte der Wintersportverein Ebingen in dieser Saison mit den verschiedensten Klimakapriolen zu kämpfen. Auch bei den deutschen Meisterschaften der Alpinen, die die Ebinger in ihrer Wahlheimat St. Moritz ausrichteten, hatte Petrus so manche Überraschung parat. Die 60 Helfer arbeiten nahezu rund um die Uhr.

Wir erinnern uns. Bei der letzten Großveranstaltung dieser Art, die der WSV zum Ende des vergangenen Jahres im Engadin erfolgreich über die Bühne gebracht hatte, sorgten eisige Minusgrade bis zu 30 Grad Celsius Kälte für das große Bibbern in Sils/Furtschellas. Dieses Mal war es auf dem St. Moritzer Hausberg Corviglia gerade anders herum.

Aber der Reihe nach. Ende März reiste der WSV Ebingen mit 60 Mann abermals in den bekannten Schweizer Skisportort. Unter der bewährten und erfahrenen Führung von Vereinschef Siegfried Binder hatten sich die engagierten Wintersportler eines großen Projekts angenommen: Zum Abschluss der Saison brachten sie die deutschen Meisterschaften der Alpinen und die der Jugend über die Bühne. Wohlgemerkt die vierte „Deutsche“ – der WSV besitzt bei der Ausrichtung von Rennen dieser Güte einen großen Erfahrungsschatz. Doch dieses Mal, bei den international ausgeschriebenen deutschen Meisterschaften der Frauen, Männer und Jugendlichen in den Disziplinen Abfahrt, Super G und Superkombi, so erinnerte sich Binder nach seiner Rückkehr, sei der Aufwand so groß wie noch nie gewesen.

Und das kam so. Schon bei der Anreise des Wintersportvereins in der Schweiz ließen die Wettervorhersagen nichts Gutes erhoffen. Doch die WSV-ler arbeiteten zunächst streng nach der Maßgabe „Same procedure as last time“ und machten sich versiert daran, die knapp 2600 Meter lange Piste zu präparieren und die vielen Kilometer Fangnetze zu spannen. Als man sich dann gemeinsam mit den Trainern traf, um den konkreten Kurs abzustecken sowie Start und Ziel festzulegen, stand man kollektiv im dichtesten Nebel. Nach sage und schreibe sechs Stunden kehrte man unverrichteter Dinge wieder ins Hotel zurück – eine vernünftige Arbeit war schlicht unmöglich.

Dazu kamen die Nachrichten und der Wetterbericht. Beides machte die Lage der Dinge nicht besser. Man rechnete erstens mit Wolken und zweitens mit weiterem Nebel. Schnell wurde eines klar: Plan B musste her. Man verwarf das Wettkampfsprogramm, verschob die Abfahrtsläufe und sagte das Training ab. Sehr zum Leidwesen der Ebinger Rennveranstalter besserte sich das Wetter nicht. Der Schnee blieb weich und sulzig. Doch die Albstädter schafften das schier Unmögliche: Sie brachten eine ordentliche Piste zustande, die allen Sportlern faire Bedingungen ermöglichte. WSV-Chef Binder, als akribischer und umsichtiger Rennorganisator bekannt, erinnert sich gut an diese Mammutleistung: „Ein Wahnsinnstress für uns alle. Und körperliche Schwerstarbeit. Schon vor Tagesanbruch waren unsere Leute auf der Piste im Einsatz.“ Vor allem das so genannte „Farbteam“ musste schwer schuften. Die Piste, so erläutert der Vorsitzende, habe regelmäßig „farbbehandelt“ werden müssen: „Wir haben sie immer wieder mit blauer Farbe eingesprüht, damit die Rennläufer im Nebel Anhaltspunkte für den Verlauf und das Gelände hatten.“ Die hier eingeteilten WSV-ler hatten alle Hände voll zu tun – ganz sprichwörtlich, denn die Farbkübel, die sie zu schleppen hatten, waren höllisch schwer.

Leider blieb das Wetter matschig und unwirtlich. Erfolgreich war dennoch Stephan Keppler, der Olympiateilnehmer, dessen sportliche Wiege beim WSV Ebingen steht. Bis heute ist Keppler zudem Vereinsmitglied. Er siegte in der Super-Kombi. Ihren Olympioniken zeichneten die Ebinger Wintersportler in St. Moritz ebenfalls aus, zumal Keppler immer noch enge Verbindungen nach Ebingen pflegt. So gesehen also auch für den WSV ein großes Erlebnis – einen Olympioniken ehrt man schließlich nicht jeden Tag.

Das Wetter indes blieb zweifelhaft. Trainer und Organisatoren überlegten hin und her, man diskutierte offen und konstruktiv. Die Mannschaftsführer-Sitzung brachte eine neue Idee: Wegen der sulzigen Schneelage sollten sowohl Start und Ziel verlegt werden – nach weiter oben. Das erschien allen als praktikable Lösung. Gesagt, getan? Nein. Als der Organisations-Tross oben ankam, stand man in einer Nebelwand, die so dicht war, dass man nicht einmal mehr die Hand vor Augen erkennen konnte. Ein Start war unmöglich. Auch der erfahrene Trainerstab des Deutschen Skiverbands wollte nicht länger auf besseres Wetter harren. Gemeinsam habe man sich entschieden, die Rennen abzusagen, so Binder. Damit entfielen die „Deutschen“ der Jugend im Super G und in der Super-Kombi komplett – obwohl die Vorbereitungen wie Pisten-Präparierung und Kurs-Setzen vollständig geleistet worden waren. „Unsere Leute bauten danach trotzdem ab“, resümiert Siegfried Binder.

In St. Moritz, dem bekannten Engadiner Kurort, sind die Ebinger WSV-ler schon fast „eingebürgert“. Zu den Kollegen des SC Alpina unterhalten sie viele enge Freundschaften – entstanden in all den vielen Jahren, in denen der WSV im Engadin aktiv ist. Auch dieses Mal war der SC wieder tatkräftig dabei, als es darum ging, aus der sulzigen Schneelandschaft des St. Moritzer Paradebergs Corviglia eine bestens präparierte Piste zu machen.

Jetzt ist der Schnee auf der Schwäbischen Alb getaut. Hinter den WSV-lern liegen arbeitsintensive Wochen und Monate. Hinter den „sportlichen“ Teil des Veranstaltungsreigens setzte die „Deutsche“ einen fulminanten Schlusspunkt. „Trotz der Witterungsunbillen war es eine Top-Veranstaltung“, lobt Binder sein Team. Der Veranstaltungskalender im 100. Vereinsjahr war beim WSV nahezu lückenlos gefüllt. In die Saison gestartet war man mit dem FIS-Rennen in St. Moritz im Dezember, danach kamen die Schwäbischen Schülermeisterschaften und der Snowboard-FIS-Parallelslalom. Auch die Seniorenmeisterschaften des SSV wurden in Ebingen ausgetragen. Siegfried Binder ist das, was man als schaffigen, schwäbischen Vereinschef kennt. Aber Ähnliches hat selbst er als langjähriger Funktionär – er ist seit 1982 Vorsitzender des WSV – noch nicht erlebt: „So viele Veranstaltungen und Rennen hatten selbst wir noch nie“, räumt er lächelnd ein. Mit eingerechnet in diese lange Liste sind dabei noch nicht einmal obligate Punkte wie die Vereinsmeisterschaften oder das beliebte Spaßrennen „Papa gib Gas“.

Doch Binder verhehlt den finanziellen Aspekt des WSV-Rennsportbetriebs nicht: Die Einnahmen aus diesen Veranstaltungen erlauben es dem Verein, seine Beschneiungsanlage auf dem Ebinger Skihang in Betrieb zu halten. Diese Saison hat sich dieser Einsatz für den Verein gelohnt. Als selbst Vereine in alt eingesessenen Schwarzwälder Skigebieten aufgrund von Schneemangel die „Geschlossen“-Schilder anbringen mussten, lief die Ebinger Anlage munter weiter. Was sich natürlich gleich herumsprach: Diverse Teams nahmen ihren Trainingsbetrieb in der Ebinger Degerwand auf, auch der SSV lud auf die Alb zu seinen Schulungen ein. Aspekte, die dem Vereinschef zeigen, dass sich der WSV Ebingen im Reigen der Großen etabliert hat und bei SSV und DSV zu Recht einen hervorragenden Ruf genießt.

Auch für den Rest des Jahres hat sich der Wintersportverein noch viel vorgenommen. Im Juni steht ein großes Festwochenende auf dem Programm. Auch für Festakt und Galaabend laufen die Vorbereitungen schon auf vollen Touren. Selbstverständlich hat sich das Team um Siegfried Binder auch hierfür etwas Besonderes einfallen lassen: Unter anderem gastieren Künstler des Schweizer Zirkus Nock in Ebingen. Und vielleicht schafft es dann auch einmal ein alter „Schaffer“ wie Binder, gemütlich ein Gläschen zu trinken und auf die jüngsten Erfolge anzustoßen? Ganz ohne sich mit St. Moritzer Nebelwänden oder Temperaturstürzen befassen zu müssen? Man wird sehen. Derzeit arbeiten die WSV-ler auf jeden Fall tüchtig für ihr Fest. Unter anderem entsteht eine aufwendige Festschrift, die das Vereinsleben der vergangenen 100 Jahre dokumentiert.

Text: kasi